
Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Oder ist das erstmal gar nicht die richtige Frage? Warum bewerten wir eigentlich diese Begriffe von ‚voll‘ und ‚leer‘? Ist das eine wirklich besser als das andere?
Mir schweifen diesen Fragen immer wieder durch den Kopf. In manchen Yogastunden spielt ‚die Fülle‘ eine große Rolle. Besonders Yogalehrern, die sich von Tantra inspirieren lassen, sprechen gerne über die Fülle und bitten ihre Schüler, die Fülle zu spüren und umarmen. Auch ich habe mich zuweilen ertappt, diese Worte im Unterricht zu benutzen.
So habe ich vor Kurzem noch in einer schönen Frühlingsstunde meine Teilnehmern gefragt, sich mit der Fülle zu verbinden über eine Reihe von tollen Herzöffner. Ich glaube, es hat ihnen wohl gefallen und in dem Moment hat es sich für mich auch stimmig angefühlt.
Am selben Abend nahm ich aber an einer online Zen-Meditation teil. Der Meditationslehrer hat eine wunderschöne Einführung vorbereitet. Er fing an, darüber zu sprechen, wie wir in die Leerheit eintauchen können, sie umarmen und uns damit verbinden können.
Da ich mich schon länger mit Zen-Buddhismus beschäftige, kenne ich mich mit diesem Begriff von Leere oder Leerheit (Sankskrit: Shunyata) wohl aus. Doch an diesem Abend hat es mich kurz durcheinander geschüttelt. Error im Kopf. Ich hatte mich ja den ganzen Tag Richtung Fülle bewegt, und jetzt sollte ich mich plötzlich der Leere widmen? Letztendlich habe ich mich nur auf einen ruhigen Atem konzentriert, ohne mich von Wörter wie Fülle und Leere stören zu lassen.
Es hat mich aber nicht losgelassen. Wie können zwei Philosophien, Yoga und Buddhismus, die grundsätzlich recht viele Gemeinsamkeiten in sich haben, beide einen Zustand von Verbindung anstreben und beide eine Art der Erlösung kennen – wie können diese zwei Wegen nun so einen großen Widerspruch in sich bergen? Nachdem ich eine Weile über diese Frage nachgedacht hatte, wurde mir langsam klar: Es ist kein Widerspruch da. Leere und Fülle sind nicht so sehr Gegensätze sondern vielmehr zwei Seiten einer Medaille. Sie sind untrennbar und bestehen nebeneinander. Genauso wie die Einatmung, die dich füllt, und die Ausatmung, die dich entleert, doch immer zusammen EINEN Atemrhythmus bilden. Genau so pulsiert das Universum auch ununterbrochen zwischen der Fülle und der Leere.
Wenn wir es auf diese Weise betrachten, wird klar, dass Fülle und Leere eins sind. Damit entfällt die Frage, welche Seite besser ist und welchen Zustand wir verfolgen sollten. Vielmehr erklingt eine neue Frage: Wo findest du leichter den Zugang? Wo steigst du ein? Denn, du musst nur einen einzigen Ansatzpunkt finden, um dich von dort aus auf den Lebensrhythmus mitschwingen zu lassen.
Ich persönlich komme besser klar mit Leerheit als mit Fülle. Mir ist die Fülle tatsächlich zu groß, zu überwältigend. Ich spüre dort manchmal den Druck, voll in Ekstase geraten zu müssen mit all dem, was ist – obwohl ich prima weiß, dass niemand mir diese Druck macht, außer ich selbst. Fülle ist einfach nicht so mein Vibe. Leerheit kann ich besser verstehen. Dabei fängt es ja mit einem Loslassen und Weglassen an, bevor die Verbindung entsteht.
Also, bei mir ist das Glas halbleer. Vielleicht hast du es lieber halbvoll. Das ist alles Okay. Letztendlich trinken wir alle dasselbe Wasser.